Turpan – Korla – Kuqa

Hurra wie erhofft bin ich ein gutes Jahr nach Beenden der Etappe 1 wieder zurück auf der Seidenstrasse in der Oasenstadt Turpan. Meine Vorfreude ist riesig. Bei der Einreise nach China werden 10 Fingerabdrücke validiert und nachdem ich im 2018 wohl nicht negativ aufgefallen bin und erneut ein gültiges Visum besitze, darf ich wieder in die Volksrepublik China eintreten.

Hier in Turpan befinde ich mich in der Taklamakan Wüste, der zweit grössten Sandwüste der Welt. Vorerst will ich mich etwas akklimatisieren und geniesse mein Lieblingsgericht niurou lamian 牛肉拉面 (Nudelsuppe).  Danach besichtige ich die umliegenden Astana Gräber. Da hier im Turpan-Becken tagsüber wiederum Temperaturen um 45 Grad herrschen, werde ich meine Touren Kilometer solange in der Nacht abspulen, bis eine gewisse Höhe über Meer erreicht ist. Fallen die Werte unter 30 Grad, wird auf den Tagesrhythmus gewechselt.

In der ersten Nacht läuft alles wie am Schnürchen. Bis Toksun sind es 58 Kilometer, für ein „warm up“ gerade richtig.  Nachdem Frühstück gibt’s nun Bettruhe.  Bereits steht die zweite Nachtfahrt bevor und ab jetzt geht es auf der asphaltierten Nationalstrasse G 314 für mehr als 1400 Kilometer vorwiegend Richtung Süd/West bis nach Kashgar. Obwohl die Sonne längstens verschwunden ist, zeigt das Thermometer um 23 Uhr immer noch 31 Grad und so starte ich in die glasklare Sternennacht.  Wenig später, gilt es bereits ein herausforderndes Hindernis zu bewältigen. Ein Polizeicheckpoint. Hier im Bezirk Xinjiang gibt es viele davon. Es ist eben das Revier der Uiguren und diese Volksgruppe wird durch das chinesische Regime streng überwacht. In einem individuellen Reisenden wie mich, welcher zu einer solchen Unzeit am Kontrollposten steht, sehen die Beamten vermutlich einen Spion, ein Journalist oder sonst eine unerwünschte Person. Wie bei jedem Checkpoint muss zuerst einmal der Pass aushändigt werden. Nach den üblichen 20 Minuten im Pass rumblättern wird dann via App gefragt where are you from (als ob 20 Minuten nicht ausreichen um ausfindig zu machen, dass ich ein Schweizer bin)?  Dann kommen weitere Fragen: Wo hast du übernachtet? Wo willst du hin? Wie lange bist du schon in China (sieht man doch auf dem Einreisestempel im Pass)? Was machst du beruflich? Dann lässt man mich einfach wieder ewig warten ohne, dass irgendetwas läuft. Einfach warten und warten. Jetzt sind bereits über 40 Minuten vergangen und nun sagt man, dass ich nicht weiterfahren darf. Bis dahin bin ich ruhig geblieben und habe stets mit den Polizisten kooperiert. Nervosität, Ungeduld, sich beschweren bringt nichts. Höflich bleiben. Ihnen auf der Karte zeigen wo die Schweiz liegt. Alles schön beantworten und hoffen auf ein Durchkommen. Die Herren machen ihren Job….und ich habe bisher durchaus nur nette Polizisten erlebt. Es wird Wasser angeboten, manchmal sogar Proviant. Jetzt zeigen sie mir das Wachhäuschen. Dort ist ein Bett, hier soll ich es mir bequem machen und mich ausruhen bis morgen um 8 Uhr, dann darf ich den Checkpoint verlassen. Hallo Herr Polizist, bitte lassen Sie mich jetzt passieren. Abermals drücke ich auf meinem Handy auf das Übersetzungs-App und hoffe auf ein OK vom Polizist. Nein, nein sagt der Beamte, erst morgen um 8 Uhr. Er kann das nicht verantworten, mich bei Dunkelheit auf der Strasse fahren zu lassen. Ok sage ich zu ihm, ich verstehe, dass Sie auf den ersten Blick so denken. Ich will den Polizist davon überzeugen, dass ich unbedingt nachts fahren muss, weil es tagsüber extrem heiss wird und man bei 45 Grad nicht Velofahren sollte. Man riskiert einen Hitzeschlag. Ich zeige ihm mein Wetter App …. Dann präsentiere ich dem Polizisten meine Nachtausrüstung. Super Licht am Fahrrad, Stirnlampe etc.. Sodann erkläre ich dem Uniformierten noch, dass bei Dunkelheit viel, viel weniger Verkehr herrscht. Und wenn für meine Radreise jemand Verantwortung übernimmt, dann bin ich das!

Nun macht er ein Telefonat, keine Ahnung mit wem? Anschliessend händigt er den Pass aus und wünscht eine gute Fahrt und ich wünsche ihm eine gute Nacht! In der Hoffnung, dass ich ihn wirklich richtig verstanden habe, stürze ich mich sofort auf meinen Goldesel (ja mein Tourenvelo hat die Farbe GOLD) und mache mich immer noch etwas ungläubig über seine Antwort, so rasch wie möglich aus dem Staub. Die Nacht wird hart, es sind viele Höhenmeter zu bewältigen. Die Temperatur ist richtig angenehm. Allerdings gibt es nun seit über 5 Stunden Fahrt keine bediente Raststätte und mein Wasservorrat ist längst aufgebraucht. Es ist immer ein Abwägen wie viel man schleppen will. Jedes Gramm zählt eben. Und wenn man für die ganze Tages-(Nacht-) Strecke 4 bis 5 Liter benötigt so hat man meistens die Möglichkeit irgendwo „aufzutanken“ drum nehme ich in der Regel zum Starten max. 2 Liter mit und fülle bei Gelegenheit nach. Dieses Mal hätte ich mir gewünscht mehr Flüssigkeit dabei zu haben. Beim nächsten Parkplatz gibt es leider auch kein Verkaufsgeschäft. Ich bin so durstig, dass ich einem LKW-Fahrer meine Trinkflasche zeige und ihm das Bedürfnis zum Trinken andeute. Bereits der erste hat Erbarmen und händigt eine 0.5 L Wasser Flasche aus. Bin sehr erfreut darüber und auch glücklich, dass man sie eben doch noch findet: Die Retter in der Not!

Fahre jetzt weiter bis so gegen 10 Uhr morgens und weil es in dieser Wüste nur wenige Hotels gibt, werde ich mich dann auf der Isomatte im Schatten unter einer Autobahnbrücke ausruhen. Nach dem Sonnenuntergang pedale ich erneut in die Nacht hinein. In Korla angekommen freue ich mich über den professionellen Empfang beim Hotel (siehe Video).  Auch muss ich einen Zahnarzt aufsuchen, welcher zum Glück meinen Zahn wieder auf Vordermann bringt. Bei der Weiterfahrt Richtung Kuga mache ich erstmal eine interessante Entdeckung. Ein Fahrzeug ohne Kontrollschilder. Beim Vorbeifahren fällt mir das auf. Etwa 30 KM später lege ich einen Halt ein. Anschliessend schwinge ich mich wieder aufs Velo …und was sehe ich auf dem nächsten Parkplatz? Dasselbe Auto ohne Kotrollschilder. Klar jetzt wird mir etwas komisch. Ich stoppe und schaue in das FZ rein. Da schläft jemand…. Na der brauchte wohl auch eine Pause denke ich. Trotzdem lässt mich das nicht ganz so kühl und nach ein paar Kilometer Weiterfahrt, taucht plötzlich etwa 300 Meter hinter mir in langsamem Tempo fahrend das Auto erneut auf. … Hallo was ist da los. Immer wieder schaue ich zurück und immer wieder ist das FZ da… Endlich kann ich die Autobahn verlassen und auch das FZ verlässt diese. Im Stadtverkehr verliert mich der Verfolger aus den Augen. Bei der Ankunft im Hotel atme ich auf und melde den Vorfall. Doch das scheint nicht von Interesse zu sein und wird ignoriert. Ein Auto ohne Kontrollschild? Man weiss von nichts.

Am späten Nachmittag bei der Besichtigung in der Altstadt, frage ich in einigen kleinen Läden nach einem Schumacher. Mein Schuh ist nämlich defekt. Plötzlich spricht mich auf dem Trottoir ein Herr an und fragt: Sie suchen einen Schumacher? Bin gerade etwas perplex und nicke. Er meint ok, am besten Sie steigen ins Auto mein Chauffeur und ich bringen sie hin.  Und tatsächlich fahren sie zum Schumacher etwas ausserhalb der Altstadt. Ich bedanke und verabschiede mich. Sodann flickt der Schumacher den Schuh. Danach sind die hilfreichen Männer allerdings immer noch vor Ort und fragen: Was machen sie als nächstes? Ich werde nun zurück zum Hotel. OK wir bringen Sie hin. Ne danke da ist ein Taxi …. und tschüss!!!! Im Rückspiegel beobachte ich ihre Verfolgung und dass an der grauen Limousine keine Kontrollschilder montiert sind. Deshalb lasse ich mich nicht zum Hotel bringen, sondern steige mitten in der Stadt aus, zahle dem Fahrer seine Zeche und begebe mich fluchtartig auf den Markt. Die bin ich los… Noch einmal gut gegangen. Habe nicht ganz kapiert, was die Männer von mir wollten. Aber vermutlich führen sie einen Überwachungsauftrag aus. Nach dem Marktbesuch begebe ich mich scheinbar unbemerkt ins Hotel. Dort angekommen frage ich nun nicht mehr nach Autos ohne Kontrollschilder.  Man muss davon ausgehen, dass sie keine konkrete Antwort geben dürfen.