Xi’an

Da bin ich nun in XI’AN und es fühlt sich an wie ein déjà vu. Vor exakt 10 Jahren war ich mit meiner Familie bereits hier. Damals als Tourist, jetzt als Veloreisender und ganz darauf fokussiert mich mit CREDO (meinem Tourenvelo) auf ein Abenteuer einzulassen und die Seidenroute unter die Räder zu nehmen.  Die frühere Hauptstadt Chinas beeindruckt mit ihrer Stadtmauer, welche in jede Himmelsrichtung etwas über 3 Kilometer lang ist. Die 12 Meter hohe und 15 Meter breite Mauer befindet sich in der Stadtmitte und bildet einen rechteckigen Ring um die Altstadt. Weil dieser Weg auf der Mauerkrone auch mit dem Fahrrad zurückgelegt werden kann, war für mich schon im Vorfeld klar, dass ich den Startschuss meiner langen Reise mit CREDO und voller Ausrüstung hoch oben auf der Stadtmauer bei herrlichem Blick über die vielen Stadtviertel lancieren will.

Zu meinem Entsetzen soll das nicht möglich sein?  Obwohl ich doch einige Velofahrende auf der Stadtmauer sehe. Nur mich wollten die Chinesen nicht hinauflassen. Tja weshalb wohl nicht…. Ich zeigte meinen Pass, mein Visum und alles Drum und Dran. Dann dauerte es einige Minuten und die Warterei hatte ein Ende. Ich verstand zwar kein Wort, habe aber begriffen, dass auf der Stadtmauer nur zugelassene Fahrräder erlaubt sind, nicht jedoch mein CREDO. Man muss also ein Velo vor Ort mieten und darf ausschliesslich mit diesen Drahteseln auf der Mauer pedalen.

Wer mich kennt, der weiss, dass ich ganz schön hartnäckig sein kann. Also NEIN heisst irgendeinmal JA?!?  Ja, vielleicht… ABER ganz bestimmt und garantiert nicht in CHINA!!!

Hier im Reich der Mitte herrschen andere Gesetze. Da hilft es auch nicht, wenn man charmant ist und begeistert von der Seidenroute spricht, die für mich hier auf der antiken und historischen Stadtmauer von Xian beginnen soll und in geschätzten 15000 KM in der Schweiz, im Kanton Bern, im Seeland, in Biel, in Bellmund endet.  Es spielt auch keine Rolle ob ich Englisch, Französisch, Deutsch, Schweizerdeutsch oder Berndeutsch spreche… es versteht mich schlicht ohnehin niemanden.  Tja das war’s dann. Next chapter… Um mich für die ersten Zeltnächte zu rüsten, will ich nun meine Campingflasche mit bleifreiem Benzin füllen. Ich fahre also zur Tankstelle und will den Tankgriff nehmen. Uff, das geht nicht so einfach. Hier scheint keine Selbstbedienung zu sein. „OK, ich möchte gerne Benzin in die Flasche füllen lassen“. Doch der Tankwart weigert sich.  Keine CHANCE. Auch hier musste ich zu spüren bekommen, dass ich wohl in einem autoritären bis totalitären Staat unterwegs bin. Da ist es oft die beste Option zu resignieren.

Noch schlimmer bei der nächsten und übernächsten Tankstelle, dort wurde mir sogar geraten, zur Polizei zu gehen. Doch darauf hatte ich nun definitiv keine Lust. Und immerhin, mit leerer Benzinflasche muss ich weniger schleppen. Zudem habe ich vernommen, dass es für Ausländer in China in den meisten Bezirken offiziell nicht gestattet sei im eigenen Zelt zu nächtigen. Man soll sich wenn immer möglich bei der lokalen Polizei erkundigen und nach einer Erlaubnis fragen, um sich allfälligen Ärger zu ersparen.  Na ja, so richtig will ich das jetzt nicht glauben, schliesslich habe ich vor einigen Tagen richtig gute, wüstentaugliche Heringe gekauft und mein Hilleberg Zelt schon mal im Garten zu Hause aufgestellt… Doch wenn sich keine Möglichkeit im Zelt ergibt, so wird sich eine andere Gelegenheit bieten, die Nacht unter einem Dach zu verbringen. Zugegeben, nach einer strengen Tagesetappe schlafe ich auch sehr gerne in Hotels oder in einer Pension. Und falls mal alle Stricke reissen, ist es auch möglich durch die Nacht zu fahren. Solche Erlebnisse sind immer ganz speziell und bleiben noch lange in Erinnerung. Doch wie auch immer… heute Nacht esse und schlafe ich nochmals in XI’AN und zwar in einem Hotelbett.