Cabo da Roca – Lissabon – Beja – Huelva – Tarifa
Das „Westkap“ nennt sich Cabo da Roca, ist weit weniger bekannt und nicht so häufig besucht wie etwa das Nordkap. Trotzdem gilt der Ort für mich als sehr bedeutend, denn es handelt sich um den auf dem europäischen Festland westlichsten Punkt. Zugleich markiert er den Start meiner 9. Etappe. Diese führt mich nach Tarifa und verbindet dort mein Etappennetz zum Nordkap, zum Schwarzen Meer und nach Istanbul bis zur Osttürkei.
Rein in der Vorstellung sah ich am Cabo da Roca sonniges und freundliches Wetter. In Realität trifft heute und für die nächsten Tage allerdings das Gegenteil zu. Regnerisches und windiges Wetter laden nicht zu einem langen Verweilen ein, sondern geben mir Ansporn rasch nach Lissabon zu radeln. Entlang des Flusses Tajo, gelingt es mir auch gerade einige Sightseeings wie etwa der Torre de Belém zu erblicken. In der portugiesischen Hauptstadt, verpflege ich mich erst mit dem berühmten und leckeren Blätterteigtörtchen Pastel de Nata bevor es ins gebuchte Appartement geht.
Leider ist es weiterhin sehr regnerisch, nass und rutschig, was in Lissabon auf einer Kopfsteinpflastertreppe zu einem Sturz führt. Ich selber bleibe für einmal verschont. Mein FLOW hingegen ist stark beschädigt und die Weiterfahrt mit dem angebrochenen Carbon Rahmen am Limit.
Die Route führt mich vorwiegend durch das Landesinnere des Alentejo Gebietes mit vielen Pinienbäumen, Olivenhainen und Rebbergen. Anfänglich etwas unsicher „wage“ ich mich auf die verschiedenen Stassen mit Bezeichnungen wie A, N, E, IP, IC, R, M, CM, EN obwohl mich das Google App nicht immer so navigiert. Doch bald ist mir klar, dass bis auf die Autopista (A) für Fahrräder grundsätzlich alle Strassen zugänglich sind. Jetzt in Spanien angelangt, gelten wieder neue Bezeichnungen…
In Huelva mache ich einen Halt vor dem berühmten Christopher Kolumbus Denkmal. Der Abenteurer hat von hier aus den Seeweg nach Indien gesucht, wo er sich Gold, Silber, Edelsteine, Gewürze und andere Kostbarkeiten zu finden erhoffte. Bei mir geht’s jedoch nicht auf Wasser sondern an der Küstenstrasse dem Atlantik entlang bis Tarifa.
Ein unvergesslicher Touren Tag beginnt. Endlich ist es wieder richtig schönes, sonniges Wetter und weil ich bisher infolge dem schlechten Wetter etwas langsam vorankam, steht heute ein recht langer Tagesabschnitt in etwa 150 Kilometer auf dem Programm. Um die Mittagszeit erreiche ich Matalascanas. Von hier führt der Weg direkt am Meer auf dem 30 Kilometer langen Sandstrand entlang. Gemäss diversen Internetrecherchen, lässt es sich auf dem Sand (wenn auch etwas erschwert) sogar mit dem Fahrrad fahren. Am Strandende, soll es schliesslich eine Fähre geben, welche die Leute jeweils je nach Passagieraufkommen über den Fluss Guadalquivir bringt.
Der Start auf der Sandstrasse misslingt vollends. Nichts mit Pedalen…Weil es die letzten Tage stark regnete bleibe ich mit meinem „schweren“ Fahrrad mit Gepäck im Sand stecken. Also laufe ich kurzerhand und suche nach einem Fahrweg hinter den Dünen, wo gelegentlich auch 4 x 4 Geländewagen verkehren. Doch dort ist der Sand noch weicher und ein Vorwärtskommen auf dem Sattel schlicht unmöglich. Deswegen geht’s schnurstracks zurück zum Strand um dort den empfohlenen Weg zu nehmen. Nach einer Stunde Waten, habe ich stolze 3.3 Kilometer geschafft. Mit dem schweren Gefährt lässt es sich nämlich kaum richtig vorankommen, denn der Sand gibt stark nach. Diese Tatsache bringt mich jetzt richtig in Zweifel ob ich dem Strand entlang weiter ins Ungewisse folgen oder besser umkehren soll.
Nimmt man jedoch nicht die Sandstrasse, so fährt man einen „Umweg“ von mehr als 200 Kilometer. Aber mit dem derzeitigen Stundenschnitt komme ich wenn überhaupt erst bei Dunkelheit zur Fährverbindung. Es begegnet mir ein Jogger und ich frage sofort, ob der Sand weiter vorne härter wird. Er meinte ja schon etwas…. Also genau was ich hören wollte und so kämpfe ich mich weiter voran. Teilweise trabe ich sogar, weil ich etwas Zeit aufzuholen versuche, was jedoch schnell wieder zum Waten wird, denn der Sand ist schlicht viel zu weich um nicht einzusinken. Ich habe erst 8.8 Kilometer von diesem knapp 30 Kilometer langen Strandabschnitt hinter mir. Es ist bereits 14.30 Uhr und ich bin erneut ganz nahe am Punkt doch umzukehren ehe sich mir ein 4×4 Geländewagen nähert, dessen Fahrer ich anhalte um zu fragen ob er mich zur Fähre transportiert. Nein, keine Zeit meint der Mann am Steuer. Er nimmt sich aber die Zeit um mir zu erklären, dass gegen 16Uhr allmählich die Flut zur Ebbe wird und sich der Sand erhärtet, so dass ich in der Folge wahrscheinlich etwas fahren kann. Mit neuem Mut halte ich an meinem ursprünglichen Plan fest. Ich will noch vor Dunkelheit die Fähre erreichen. Kurz vor 16Uhr kann ich sogar einige Meter fahren. Ich lasse nochmals etwas mehr Luft aus den Reifen. Es sind in etwa nur noch 1.5 Bar drin. Damit schaffe ich es ein paar Meter länger auf dem Velosattel zu sitzen. Dazu entdecke ich beim Fahren plötzlich eine interessante Beschleunigungstechnik. Wenn ich nämlich etwas ins Wasser reinfahre, ist der Sandboden härter. So gelingt es mir nun endlich permanent um die 12 KMH zu fahren. Hurra, auf den letzten Kilometern springt mein Zähler sogar auf bis zu 30 KMH! Der Sandboden ist inzwischen steinhart… Als nächstes ist warten angesagt. Warten, warten, warten……Ich warte und stehe seelenalleine am Flussufer. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt sie, die langersehnte Fähre. Jetzt in Sanlucar de Barrameda suche ich eine Waschanlage um den Sand loszuwerden und mein Fahrrad wieder auf Vordermann zu bringen. Der Wind ist gegen mich. Das Handy gibt den Geist auf. Irgendwo finde ich eine Steckdose, kann auch gleich die „Nachtausrüstung“ montieren und pedale in die Abenddämmerung. Kurz vor dem Tagesziel der Hafenstadt Cadiz steht mir jetzt nochmals eine weitere unerwartete Hürde bevor.
Anders als die Veloprofis an der Vuelta, darf ich die gigantische Stadt-Brücke (länger als die Golden Gate Bridge) nicht überqueren. Hier ist ein Velofahr- und Fussgängerverbot (nur mein Google App meint es besser mit mir und will mich über die Brücke navigieren).
Jetzt in der Dunkelheit wird es ungemütlich kalt. Ich muss irgendwie noch über das Bauwerk in den Ort kommen und frage mich mit meinen bescheidenen Spanischkenntnissen so lange durch, bis ich bei einer Busstation lande. Von da soll tatsächlich ein Bus nach Cadiz losfahren. Glücklicherweise ist der Chauffeur total nett, lässt mich mein Fahrrad unter seinem Transportmittel verstauen und einsteigen. Dann meint er: Ja nach Cadiz gibt es über die Brücke kein Durchkommen per Fahrrad.
Endlich erreiche ich das Hotel und das digitale Einchecken gelingt auf Anhieb. Ende gut alles gut! Dieser herausfordernde Touren-Tag findet aber eindeutig Einzug in mein Geschichtenbuch. Gute Nacht…. Morgen geht’s nur noch von der ältesten Stadt Europas zur südlichsten.
Es ist mir eine Ehre.