Istanbul – Düzce – Tosya –Amasya – Sivas

Gerade auf den Sattel gestiegen, ruft mir nach ein paar Meter ein Türke zu…wo willst du hin?
Nach Asien antworte ich.  Ah du willst nach Anatolien! Gute Fahrt!
Das mit Asien ist ja schon korrekt aber er hat natürlich recht.
Ich chauffiere jetzt mein Carbonesel nach Anatolien und will ins Herzstück dieser Region.
Sivas liegt gute 850 Velokilometer entfernt von hier, wo sich Orient und Okzident vermischen.
Auf der D 100 radle ich zur ersten Bosporus Brücke mit der Absicht zur asiatischen Seite zu gelangen.
Leider werde ich einige Meter vor der Brücke gestoppt. Ein Polizist hat mich von seinem Wachposten aus gesichtet und mir die Durchfahrt verweigert. Dabei habe ich mich doch so sehr auf die Bosporus Überquerung gefreut, um über dieses Gewässer von Europa nach Asien zu pedalen.
Schon eine Minute später erhält der Uniformierte Verstärkung und nun sind bereits vier Polizisten mit mir beschäftigt. Im Gespräch zeigt sich, dass die Fahrt auf dem Velo bei allen drei Bosporus Brückenübergängen verboten ist.
Ich frage sie ob ich auf dem Trottoir hinüberlaufen darf. Nein das ist auch nicht gestattet. Vor Jahren war das möglich jedoch seien offenbar immer wieder Leute in den Bosporus gesprungen. Nun versuche ich es damit ob die Polizei einen Escort gewährt um mir die Fahrt auf dem Velo zu ermöglichen. Hilft alles nichts. Kurz darauf wird ein Bus gestoppt und der Fahrer bekommt vom Beamten die Anweisung mich samt dem Fahrrad auf die gegenüberliegende Uferseite zu bringen. Immerhin ist die Fahrt nur von kurzer Dauer und erst noch gratis.
Mit jedem zurückgelegten Kilometer nimmt die Verkehrsdichte etwas ab. Kurz vor Kolcaeli entdecke ich ein nettes Hotel mit Blick auf das Marmara Meer. Auf dem Balkon geniesse ich noch die Abendstimmung und wow dort sind sogar Delfine.
Parallel zur D 100 verläuft die E 84. Und so hält sich der Verkehr in Grenzen. Praktisch und wie ein Schutzschild ist der Pannenstreifen, auf welchem ich mich stets ganz rechts halte. Jetzt macht es sogar Spass, wenn LKWS überholen und vom Windsog profitiert werden kann.
Allerdings muss immer mit einem Hupkonzert gerechnet werden. Es sorgt auch noch etwas für Abwechslung. Trotzdem  kommt es immer wieder vor, dass ich mega erschrecke und oder das Ohrensummen noch lange daran erinnert. Vor allem wenn der Fahrer sein Horn genau zum Zeitpunkt einsetzt, wenn er exakt auf gleicher Höhe zu mir ist.  Wäre interessant zu wissen, was wohl das wirkliche Bedürfnis des LKW Fahrers ist?
In Gümüshaciköy ist wieder einmal ein Ruhetag angesagt. Es regnet ohnehin den ganzen Tag und ich war schon gestern dem Regenwetter ausgesetzt. Zudem müssen meine Kleider gewaschen und das Fahrrad gereinigt werden.
Dabei ist auch ein Defekt welcher zwingend zu beheben ist.
Glücklicherweise ist mein Fahrradhändler Knipp Cycling erreichbar! Nils Knipp gibt mir die nötigen Anweisungen zur Behebung des Problems via WhatsApp und mittels einer Videoanleitung. Merci 1000 Nils, dein Support ist GOLD wert!  Jetzt funktionieren wieder alle 22 Gänge. Die elektronische Schaltung hat einige Vorteile aber eben auch seine Tücken. Beim Reinigen hat sich unbemerkt eine Kabelverbindung gelöst, konnte allerdings nicht ausfindig machen wo genau.
Doch nun ist alles im Lot und für morgen Sonnenschein angesagt.
In der Ortschaft Amasya mit den berühmten Felsengräbern, gönne ich mir wieder einen halben Tag zum Besichtigen der wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Die gesamte Stadt wirkt auf mich erholsam und inspirierend zugleich.
Die Reise führt weiter über Tokat bevor es am letzten Tourentag bis Sivas nochmals ans Eingemachte geht. Auf den 108 KM sind über 1500 Höhenmeter bergauf zu bewältigen. Bei einem kurzen Halt wird in einem Laden wieder Proviant aufgefüllt. Der Detailhändler fragt mich was mein Fahrrad kostete. Diese Frage wird mir oft gestellt. Meine Antwort:
Viel viel weniger als ein Auto! Damit war er zufrieden (er ist selber stolzer Autobesitzer), wollte aber gerne eine Runde mit meinem hellblauen FLOW drehen und hatte förmlich Spass damit. Aber auf einen Tausch mit seinem Auto wollte er dann doch nicht eingehen und ich natürlich auch nicht.
Die Stadt Sivas war ein wichtiger Kreuzungspunkt der alten Karawanenstrassen. Jetzt befinde ich mich definitiv wieder auf der SEIDENSTRASSE.  Am Abend verzerre ich ein leckerer Kebab und möchte ein türkisches Efes Bier kaufen. Die Suche dauert Ewigkeiten bis endlich ein Biershop gefunden wird. Diese autorisierten Läden sind meistens etwas versteckt und an unauffälligen Orten. Häufig kommt man nicht ums Fragen rum.
Wie immer, wenn der Heimflug ansteht, stellt sich die Herausforderung des Velotransportes.
Jede Fluggesellschaft hat da so seine Vorschriften. Klar ist, dass eine passende Box aufgetrieben werden muss und das Gefährt dort hineinkommt.
Nun was in der Theorie einfach tönt ist in der Praxis oftmals nicht so leicht umzusetzen.
Doch diesmal scheint es sofort zu passen, denn gleich um die Ecke ist ein Fahrradgeschäft. Ich traue meinen Augen nicht!  Durch das Schaufenster erblicke ich lauter leere Velo Kartonboxen. Motiviert gehe ich in das Lokal und erkundige mich nach einem Karton. Der Besitzer schickt mich umgehend hinaus. Etwas erschrocken nehme ich hastig mein Handy und betätige das Übersetzungs-APP um dem Mann meinen Wunsch nochmals zu schildern.
Jetzt setzt er eine noch bösere Miene auf und schickt mich wiederholt aus seinem Geschäft.
Resigniert gebe ich auf und versuche mein Glück anderweitig.
Diesmal klappt’s und der hilfsbereite Verkäufer ist das pure Gegenteil!
Er sucht nach einem passenden Karton für mein Gefährt Keines entspricht dann letztlich dem Idealmass von H 75 L 150 B 25. Die ausgehändigte Box ist in allen Belangen etwas zu gross. Der Händler gibt den Tipp, dass falls die Airline die Box als für zu gross befindet, diese bei Bedarf kleiner gemacht werden kann. Die Idee gefällt mir und ich bezahle die gewünschte Zeche.
Ein Flugticket online zu buchen ist rasch getätigt. Auch einen Sitzplatz kann man locker via Handyeingabe reservieren. Die Airline verlangt allerdings das Anmelden des Fahrradtransportes. Auf ihrer Homepage steht, dass sowohl für Inland- wie Auslandflüge jeweils eine Transportgebühr verlangt wird. Bloss wie soll das liebe Fahrrad angemeldet werden? Jedenfalls geht das leider nicht online. Hier wird auf das Call Center verwiesen. Erfahrungsgemäss bringt das aber nichts ausser, dass man zuerst endlos dem Sprechband zuhört und immer wieder aufgefordert wird, Zahlen einzugeben und dabei jeweils auf ihre Homepage navigiert wird. Bevor irgendein Mensch antwortet wird man alsdann aus der Linie geworfen und so bleibt einem nur die hohe Telefongebühr vom Ausland zu begleichen. Unter Kontakt findet sich leider keine E-Mail Adresse, was nicht weiter überrascht. Dies ist heutzutage wohl üblich bei Fluggesellschaften, denn schliesslich sind ja alle Antworten auf der Homepage zu finden…
Also melde ich keinen Fahrradtransport an, sondern warte was bei der Gepäckaufgabe passiert. Erstaunlicherweise wird die Box problemlos entgegengenommen und dabei nicht einmal eine Gebühr erhoben.
Zum Schluss wird mir doch noch eine Frage gestellt…. habe aber nichts verstanden.  Sorry was war Ihre Frage?
Nun spricht er in sein Übersetzungs- APP und reicht mir sein Handy hin!
Können Sie einen Covid Testnachweis erbringen?
Ich zeige ihm mein ZERTIFIKAT. OK alles klar, guten Flug!
Wofür ich 12 Tage benötigte sehe ich in den nächsten 68 Minuten von oben, einfach in umgekehrter Richtung.
Sivas nach Istanbul. Das Wetter ist hervorragend und so erkenne ich zeitweise sogar die von mir befahrenen Strassenabschnitte.

Schön war’s! Auf bald Türkei ich komme gerne wieder!

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