Nordkap – Lakselv – Inari – Rovaniemi – Lulea – Umea – Sundsvall
1. August 2022…Hier stehe ich beim majestätischen Wahrzeichen am Nordkap mit dem Ziel in den nächsten sechs Wochen alles Richtung Süden zu pedalen.
Das Wetter präsentiert sich wie im Bilderbuch. Stahlblauer Himmel ist in dieser Gegend wohl eher die Ausnahme. Umso mehr geniesse ich noch einmal den Ausblick über das Meer, bevor es los geht mit der ersten Pedalumdrehung auf der Europastrasse E 69, der einzigen Strassenverbindung vom und zum Nordkap. Nach gut 50 Kilometer Fahrt, nähert sich mir eine dunkle Röhre…
Die nächsten sieben Kilometer werden ein absolutes Novum. Dafür muss ich mich jetzt kurz vorbereiten. Denn obwohl es in der polaren Klimazone derzeit nicht richtig dunkel wird, will ich meine Stirnlampe sowie die Velobeleuchtung anbringen und mir eine warme Jacke überziehen. Ich bin vor dem „Nordkapptunnelen“. Dieser gigantische Unterwassertunnel verbindet die Insel Mageroya (auf der das Nordkap liegt) mit dem Festand. Die Durchfahrt ist auch per Fahrrad erlaubt. Vorerst geht es zwei Kilometer steil bergab auf exakt 212 Meter unter Meer… Jetzt kommt das flache Terrain mit drei Kilometer. Hier stoppe ich kurz, obwohl es bitter kalt ist und schiesse ein paar Fotos, um mein Erlebnis zu verewigen, denn bis dato fuhr ich noch nie so tief unten auf meinem Velo. Weit und breit ist kein Fahrzeug in Sicht, es ist menschenleer. Dann in der Tunnelmitte eine Notfallkabine. Zum Schluss wird es erneut für zwei Kilometer steil. Doch diesmal benötige ich einiges länger, es geht jetzt nämlich bergrauf. Ich werde mir bewusst wie viel Gepäck ich mitschleppe und versuche weiterhin mit jeder Pedalumdrehung die Balance zu halten ohne abzusteigen. Langsam wird es Meter um Meter allmählich heller, bis ich schliesslich draussen in der traumhaften Natur ankomme. Im weiteren Verlauf der Strecke, geht es Entlang der Küstenstrasse durch eine malerische und atemberaubende arktische Tundra-Landschaft. Ich bin gespannt, wieviele Kilometer es noch benötigt, um in dieser wohl baumfreien Landschaft den ersten Baum zu entdecken. Mit dem Ende der Küstenstrasse ab Olderfjorden sind erste Sträucher sichtbar.
Und bald richtig stämmige Bäume.
Beim tagelangem Pedalen entlang der Eismeerstrasse, wo ich die Schönheit der Natur vom Sattel aus bewundere, wie ein See schöner und der nächste noch schöner ist als der andere und es überall wo man auch hinschaut Wälder gibt, überquere ich kurz vor Rovaniemi „the arctic circle line“. Die nördliche Polarkreislinie, welche entlang des 66. Breitengrades den eisigen Norden von der übrigen Welt trennt, wird hier auch als Eingangstor zum Norden bezeichnet. Für mich einfach gerade umgekehrt, da ich ja südwärts fahre.
In genau dieser Gegend, im tiefen finnischen Lappland, ist auch eine Weltberühmtheit, der Samichlaus zu Hause. Und diesen Santa Claus will ich mit meinem Besuch überraschen. Seine Residenz befindet sich in einem heimeligen Gebäude, wessen Aussenwand von einer wunderschönen Holzfassade geschmückt wird. Kurz nach dem Eingang gelangt man in den Empfangsraum mit Holzvertäfelung und gemütlichem Kamin, wo mich Santa Claus persönlich begrüsst. Er freut sich über die Bekanntschaft mit dem cycling man aus Biel (wie er mich nennt). Jedenfalls ist es eine interessante Begegnung mit dem weissbärtigen Herrn, welcher bei dieser Gelegenheit auch eine Ankündigung deponiert. Im Winter so verspricht er mir, will er mit seinen fligenden Rentieren zu uns in die Schweiz kommen und ich hoffe natürlich nach Biel.
Als nächstes geht es jetzt in sein Postamt. Er betreibt nämlich ein eigenes Hauptpostamt im Santa Claus Village. An diesem geheimnisvollen Ort treffen Wunschzettel der Kinder aus der ganzen Welt ein. An einer hölzernen Wand steht ein riesiges rotes Regal mit vielen kleinen Fächern, in das die hoffnungsvollen Briefe nach Ländern einsortiert werden und auf Antwort warten. Jährlich erreichen Santas Postamt um eine halbe Millionen Briefe. Auch besteht die Möglichkeit Weihnachtskarten zu erwerben, dazu gibt es eine eigene Briefmarke und den berühmten Poststempel direkt aus Santas Post Office. Gleichzeitig hat man die Wahl, die Post sofort versenden zu lassen oder erst pünktlich zu Weihnachten.
Nach diesem Abstecher nehme ich die Weiterfahrt unter die Räder und schwinge mich auf meinen „Carbnonesel“. Damit bin ich wohl nicht ganz so schnell wie der Weihnachtsmann,aber trotzdem komme ich sehr gut voran und erreiche als nächstes den Bottnischen Meerbusen und verlasse damit auch die Eismeerstrasse von Finnland um nach Schweden zu gelangen.
Die vergangen acht Tage gestallten sich als sehr anspruchsvoll. Dies weil derzeit in meine Fahrtrichtung vorwiegend sehr starker Gegenwind herrscht. Nun bin ich in Sundsvall angekommen und hier gönne ich mir nach 1551 Kilometer einen ersten velofreien Tag. Dieser nutze ich gleich dazu um einen Osteopathen aufzusuchen, da derzeit einige meiner Gelenke etwas rebellieren. Daniel Larsson ist ein erfahrener Spezialist und bringt soweit möglich wieder alles ins Lot. Nun freue ich mich auf morgen und bin sehr motiviert, um die Weiterfahrt auf meinem Gravel Bike alias FLOW Richtung Velohauptstadt anzupeilen.